Biometrie & N‑Faktor-Authentifizierung

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Wer sich ernsthaft mit dem Thema Computersicherheit auseinandersetzt, kommt schnell zu dem Bereich Passwortsicherheit. Horrorgeschichten und Mythen lassen einen dann schnell glauben, man würde wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfen. Ganz unheikel ist der korrekte Umgang natürlich nicht, aber ganz so hilflos gegen potenzielle Angreifer, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, sind wir allerdings auch nicht.

Bevor wir in die Details eintauchen, ist es notwendig, dass uns eine wichtige Grundregel bewusst wird. Sicherheit und Komfort sind sich ausschließende Eigenschaften. Je besser das Sicherheitskonzept umgesetzt und auch erzwungen wird, umso unhandlicher wird es in der täglichen Benutzung. Deswegen ist es unausweichlich, einen sinnvollen und praktizierbaren Kompromiss aus Schutz und Anwendbarkeit umzusetzen. Also nähern wir uns dem Thema schrittweise, um mit falsch interpretiertem Halbwissen aufzuräumen.

Grundsätzlich unterscheiden wir zwei Anwendungsfälle. Authentifizierung soll sicherstellen, dass ich auch die Person bin, für die ich mich ausgebe. Autorisierung stellt sicher, dass ich nur die Aktionen durchführen darf, für die ich berechtigt bin. In diesem Artikel beschäftigen wir uns ausschließlich mit der Authentifizierung, also die Anmeldung auf einem Gerät oder zu einem Dienst.

Wenn wir einen Dienst oder auch ein Gerät, das wir benutzen, vor ungewolltem Zugriff schützen möchten, bringen wir sozusagen ein digitales Schloss an. Der Schlüssel für dieses Schloss ist unser Passwort. Wie im echten Leben gibt es auch in der digitalen Welt viele Analogien. Wenn wir Besuch von Freunden bekommen und diesen eine Kopie unseres Wohnungsschlüssels überlassen, hätten diese theoretisch die Möglichkeit, unbemerkt eine Kopie des Schlüssels anzufertigen, um unser Zuhause auch ohne unsere Zustimmung betreten zu können. Deswegen geben wir nur vertrauensvollen Menschen unseren Schlüssel. Mit dem Passwort, das wir für die Nutzung digitaler Dienste wie Streaming, Computerspiele oder sozialer Medien verwenden, ist es ähnlich. Stellen wir uns einmal vor, wir möchten eine Homepage und beauftragen jemanden, dies für uns umzusetzen. Damit die Homepage auch im Internet erreichbar wird, müssen einige Verträge für Server, Domain und möglicherweise auch zusätzliche Softwarelizenzen abgeschlossen werden. Wenn ich nun nicht das technische Wissen habe, diese Dinge selbst umzusetzen, benötige ich eine Person, der ich vertraue, die diese Aufgaben für mich übernimmt. Damit das auch gelingt, muss ich dieser Person meine Zugangsdaten für die technischen Systeme mitteilen. Solange ich mich mit dieser Person gut verstehe, ist das in aller Regel auch kein Problem. Kompliziert wird es erst dann, wenn aus irgendeinem Grund die Zusammenarbeit nicht mehr klappt. Dann sollte ich zumindest das technische Wissen besitzen, um meine Accounts zu kontrollieren und die Zugangsdaten zu ändern.

In diesem Beispiel sieht man auch ein anderes Problem. Hat man für alle Dinge, die man im Internet benutzt, dieselben Zugangsdaten, könnte nun diese Person auch mein E-Mail Postfach öffnen oder andere Dinge in meinem Namen in der digitalen Welt tun. Deswegen lautet die wichtigste Grundregel in der Computersicherheit: Benutze niemals dasselbe Passwort für mehrere Dienste. Es gibt natürlich noch viele andere Verhaltensregeln, die im Umgang mit Passwortsicherheit eingehalten werden sollten. Ich habe mir zu eigen gemacht, zwischen beruflichem und privatem Umfeld nicht zu unterscheiden. So wird mein Verhalten zu einer Gewohnheit und ich minimiere die Möglichkeit, Fehler zu machen.

Bevor wir uns aber überlegen, was überhaupt ein vernünftiges Passwort mit ausreichendem Schutz ist, müssen wir ein wichtiges Konzept kennenlernen. Und zwar geht es um die Möglichkeit, alle Kombinationen durchzuprobieren, bis man den richtigen Schlüssel gefunden hat. Dieses Konzept des schematischen Durchprobierens nennt man im IT-Jargon Brute Force. Wer also sein Fahrrad an einem unbeobachteten Ort mit einem Zahlenschloss, das ‚nur‘ vier Stellen hat, anschließt, schützt es nicht wirklich. Ein potenzieller Dieb muss nur beginnend mit 0000 alle Kombinationen der Reihe nach durchprobieren, bis das Schloss sich öffnet. Selbst wenn man sich Zeit damit lässt, dauert ein Durchtesten aller möglichen Kombinationen bis maximal 9999 nicht länger als 30 Minuten. Dieses Beispiel führt uns allerdings zu zwei Erkenntnissen. Steht das Fahrrad an einem gut frequentierten Ort, an dem es auffällt, wenn jemand am Schloss länger als 5 Minuten umherprobiert, ist dieser Schutz ausreichend. Die zweite Erkenntnis ist, dass die Zeitspanne, alle Nummern durchzuprobieren, mit jeder zusätzlichen Stelle erhöht wird. Die technische Umsetzung kann je nachdem, wie hoch der tatsächliche Schutz sein muss, extrem komplex werden.

Eine Maßnahme, die Webseitenbetreiber nutzen, nennt sich Informationssparsamenkeit. Macht man einen Fehler beim Login, erhält man nur die Rückmeldung, dass die Anmeldung nicht korrekt war. Das heißt, wir erfahren nicht, ob der Benutzer, unter dem wir uns anmelden, der richtige ist oder das Passwort falsch ist. Denn die Kombination aus Benutzeranmeldung und Passwort muss korrekt sein.

Auch die Menge der Versuche, sich bei einem bestehenden Nutzerkonto anzumelden, ist limitiert. In aller Regel ist es so, dass man 3 Versuche hat, das korrekte Passwort einzugeben. Tippfehler oder Feststelltaste können hier schnell zu Fehlversuchen führen. Gibt man nun ein viertes Mal das Passwort falsch ein, wird eine Zeitsperre aktiv und man muss zum Beispiel 5 Minuten warten, bis man das Passwort erneut eingeben kann. Jeder weitere Fehlversuch verdoppelt die Zeitspanne. Damit man als Webseitenbetreiber mehr Informationen zum Angreifer sammeln kann, werden bis zu 100 Fehlversuche zugelassen, die entsprechend protokolliert werden. Habe ich mich inzwischen aber erfolgreich eingeloggt, wird der Zähler mit den Fehlversuchen wieder zurückgesetzt. Hier ist es wichtig, dass der Betreiber diese Dinge beobachtet und beim Erkennen von Angriffen Maßnahmen zum Schutz des Nutzeraccounts einleitet. Das kann bisweilen zu einer zeitweiligen Deaktivierung des Accounts führen. Wir sehen, dass eine essenzielle Maßnahme die Beschränkung von Ressourcen ist, damit man nicht beliebig lang alle möglichen Passwortvarianten durchprobieren kann.

Natürlich ist es auch wichtig, ein ‚starkes‘ Passwort zu wählen. Wie wir bereits sehen konnten, ist die Anzahl der Stellen ein wichtiges Detail. Die Menge der möglichen Kombinationen erhöht sich aber auch, wenn man den Zeichensatz erweitert. Bei den Zahlen 0 bis 9 haben wir pro Stelle genau 10 Möglichkeiten. Hat unser Passwort nun 4 Stellen, sind das genau 9999 Kombinationen. In vielen Fällen, wie bei der Bankkarte, ist das ausreichend, denn nach 3 Fehlversuchen ist Schluss und die Karte ist gesperrt. Versucht man sein Glück am Bankautomaten, wird die Karte sogar eingezogen.

Erweitern wir unseren Zeichensatz der Zahlen mit großen und kleinen Buchstaben plus einiger Sonderzeichen, haben wir schnell pro Passwortstelle eine Kombinationsanzahl von über 60 Zeichen erreicht. Je nach Sprache variiert die Menge der Zeichen. Die deutsche Sprache hat noch die Buchstaben ä, ö, ü und ß zu bieten, die im englischen ABC nicht vorkommen. Wir sehen es gibt für Passwörter kulturelle Unterschiede. Die Zeichen a-z, A- Z und 0-9 bieten bereits 62 Kombinationen an. Ein Passwort, das 4 Stellen besitzt, hat also (62 * 62 * 62 * 62) = 624 = 14776336 Kombinationen. Hier ist ein Mensch, der das der Reihe nach durchprobieren soll, schon eine sehr lange Zeit beschäftigt. Ein Computer benötigt hierfür nur wenige Minuten. Deswegen ist es für ein sicheres Passwort notwendig, möglichst viele unterschiedliche Zeichen zu mischen, also Zahlen, Groß- und Kleinbuchstaben etc., und zusätzlich mindestens 15 Stellen zu verwenden. Solche Passwörter sind natürlich nicht gut zu merken. Schwieriger wird es, wenn man nun eine Vielzahl solcher unterschiedlicher Passwörter im Griff haben muss. Hier sorgen sogenannte Passwort Manager wie KeePass mit entsprechenden Browser Plugins für optimale Unterstützung. Lösungen, die vorschlagen, das Passwort in der Cloud, bei einem Unternehmen zu sichern, mögen durchaus gute Absichten haben, sind aber auch beliebte Angriffsziele von Hackern. Eingrund wieso für mich nur ein Offline-Passwortsafe auf meinem eigenen Rechner infrage kommt.

Mit all der Erkenntnis könnte man nun zu dem Schluss kommen, dass Passwörter keine gute Schutzfunktion besitzen und man besser auf andere Mechanismen ausweichen sollte. Tatsächlich gibt es genügend etablierte Lösungen, von denen die meisten auf dem Konzept der Biometrie beruhen. Wir kennen aus der Kriminalarbeit der Polizei das Konzept der Bestimmung von Fingerabdrücken. Wir gehen also davon aus, dass unser Körper biometrische Merkmale aufweist, die kein anderer Mensch besitzt, und so unsere Identität zweifelsfrei bestätigt werden kann. Seit vielen Jahren besitzen Geräte wie Laptops die Möglichkeit, den Fingerabdruck zu scannen und damit den Zugriff auf das Gerät freizugeben. Neben Fingerabdrücken zählen der Iriscan oder die Gesichtserkennung ebenfalls zu den eindeutigen Biometriemerkmalen.

Was auf den ersten Blick als sehr clever erscheint, könnte allerdings im Praxistest schnell als Sicherheitslücke bewertet werden. Das populärste Beispiel ist die FaceID, mit der man unter anderem über die Kamera das eigene Smartphone freischalten kann. Stellen wir uns die unschöne Situation vor, dass man uns das Telefon gewaltsam entwendet und bevor der Räuber erwischt wird, schaltet er das Telefon einfach frei, indem er es mir vors Gesicht hält, um sämtliche Sicherheitsüberprüfungen im Gerät zu deaktivieren. Wer nun argumentiert, dass in solch einer Raubsituation die Möglichkeiten durch Stress sehr eingeschränkt sind, mag durchaus recht haben, aber ausschließen kann man sie nicht. Es ist nur eine Beschreibung einer denkbaren Situation, wie sich Fremde unerlaubten Zugriff auf ein geschütztes Gerät durch Biometrie verschaffen können. Deswegen kann Biometrie ausschließlich eine Ergänzung des bestehenden Sicherheitskonzepts sein und nicht die zentrale Maßnahme. Zudem ist auch nicht geklärt, wie und wo die biometrischen Daten gespeichert werden, um sie vor Missbrauch zu schützen.

Moderne Sicherheitskonzepte basieren auf mehreren Komponenten, die ineinandergreifen. Bei der Anmeldung an Systemen kommen neben einem Passwort nun verschiedene weitere Faktoren zur Anwendung. Weit verbreitet ist die Zwei-Faktor Authentifizierung, bei der neben dem Passwort der zweite Faktor etwas darstellt, das man persönlich besitzt, auf das niemand anderes so einfach Zugriff hat. Momentan wird als zweiter Faktor das Telefon mit SMS oder E-Mail verwendet. Hier versendet die Anwendung an die hinterlegte Telefonnummer oder E-Mail Adresse einen einmaligen Code, der nur wenige Minuten gültig ist und dann verfällt. Nach erfolgreicher Verifizierung des Log-ins mit Passwort muss dann der Sicherheitscode eingegeben werden. Solange sichergestellt werden kann, dass niemand Zugriff auf den zweiten Faktor bekommt, also beispielsweise das Telefon entwendet wird, ist diese Methode sehr sicher. Jedem, dem das Telefon allerdings einmal abhanden gekommen ist und man nicht zeitnah eine Ersatz-SIM-Karte mit der Telefonnummer bekommen konnte, hat die Schwachstelle dieses Sicherheitskonzeptes bereits am eigenen Leibe erfahren. Das aber macht ein robustes und starkes Sicherheitskonzept aus, das es auch in schwierigen Situationen zuverlässig Schutz bietet und dennoch einen berechtigten Reset zulässt.

Ein Sicherheitskonzept lässt sich durch neue Schichten mit zusätzlichen Faktoren, die wie eine Kette aufgebaut sind, erweitern. Daher kommt die Bezeichnung N-Faktor. Das N ist ein Platzhalter der eingebauten Schichten. Allerdings muss man auch sagen, dass, je mehr Schichten zum Tragen kommen, die angestrebte Lösung immer unpraktikabler für die Nutzer wird. Schauen wir uns daher kurz einmal an, welche möglichen Faktoren zum Tragen kommen können.

  1. Wissen (Knowledge): Passwort, Pin
  2. Besitz (Ownership): E-Mail, Token, Telefon
  3. Biometrie: Fingerabdruck
  4. Standort (Location): GPS, IP
  5. Zeit (Time): Authentifizierungscodes mit Ablaufzeit
  6. Verhalten (Behavioral): Tippgeschwindigkeit
  7. Gerät (Device): Laptop, Smartphone, Tablet

Wenn wir diese Liste genauer betrachten, erkennen wir viele Fragmente, die in unterschiedlichen Kombinationen in modernen Webdiensten genutzt werden. Das Ziel ist es den Passwortschutz so zu verstärken, dass auch unvorsichtige Nutzer nicht zum Einfallstor für Missbrauch werden können. Denn auch in der IT-Sicherheit gilt der Grundsatz, dass eine Kette nur so stark ist wie das schwächste Glied.

Natürlich haben wir das Thema in diesem Artikel nur streifen können und es gäbe noch viel mehr zu erwähnen. So haben wir den Bereich der Kryptografie vollständig ausgeblendet. Das sind aber Themen, die vor allem für IT-Profis bzw. Programmierer relevant sind. So kann man auf diesem Blog hier unteranderem einen Artikel lesen, der sich mit der sicheren Speicherung von Passwörtern in Datenbanken beschäftigt. Seit ich mich im Rahmen des aktuellen KI Trends intensiver mit dem Rekonstruieren gestohlener Passworthashes beschäftige, ist mir durchaus bewusst, wie wichtig die in diesem Artikel beschriebenen Konzepte und deren Beachtung sind. Denn mit geschickter Wahl von möglichen Kombinationen lassen sich die zu durchsuchenden Möglichkeiten massiv reduzieren, wodurch man erhebliche Rechenpower einsparen kann. Sicher darf man in absehbarer Zukunft einen sehr technischen Artikel aus der Kategorie Pentesting über die Möglichkeiten zum Knacken von Passwörtern geben.


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Elmar Dott

Über Elmar Dott

Elmar Dott realisiert seit über 20 Jahren als freier Berater in internationalen Projekten große Web-Applikationen. Seine Schwerpunkte sind DevOps, Konfigurationsmanagement, Software-Architekturen & Release Management. Als Trainer teilt er sein Wissen in Schulungen und spricht auch regelmäßig auf Konferenzen über aktuelle Themen.

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